Sechster Tag...

29.12.2007

Geweckt wurden wir – viel zu früh – von Berti. Wir waren fertig, im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch glücklich. Und: das Feuer brannte endlich! Eigenhändig zum Brennen gebracht! Von uns!

Unsere Mission war beendet. Erst zurück nach Zagreb und dann weiter nach Berlin.

Keiner von uns, der nicht Heimweh nach einer heißen Dusche und Zentralheizung hatte. Und trotzdem fiel der Abschied schwer.
Unsere letzten Stunden in Srebrenica gehörten Fazila.
Fazila, deren Mann und Sohn im Sommer 95 ermordet wurden. Ein Schicksal wie das vieler Frauen von Srebrenica. Fazila, die als Flüchtling in Deutschland gelebt hat, ohne vor der Vergangenheit fliehen zu können. Wie so viele Frauen von Srebrenica. Fazila, die zurückgekehrt ist, nicht freiwillig, schwerst traumatisiert, unfähig Entscheidungen zu treffen und die dennoch eine so wichtige Entscheidung getroffen hat. Für sich und all’ die anderen Frauen. Fazila hat sich als erste Rückkehrerin selbständig gemacht. Gegenüber der Gedenkstätte von Potočari hat sie ihren kleinen Blumenladen eröffnet. Sträuße für die Gräber, Bücher und Souvenirs gibt es in Fazilas Blumen-Container, der so klein ist, dass sich ihre Kunden nur behutsam darin umdrehen können, um nicht irgendetwas umzustoßen.
In unserem Film „The Future comes to Srebrenica“ spielen Fazila und ihr Laden eine zentrale Rolle. Sie ist der erste Mensch, dem die Zukunft auf dem Weg nach Srebrenica begegnet. Und Fazila ist der letzte Mensch, dem die Zukunft, gespielt von Adisa, begegnet. Eigentlich will die Zukunft Srebrenica wieder verlassen. Aber Fazila schenkt der Zukunft in der Schluss-Szene des Films eine rote Rose und bittet sie, zu bleiben.
Fazila war auch unser erstes Publikum, das den fertigen Film „The Future comes to Srebrenica“ gesehen hat. Danach hat sie uns erzählt. Von ihrem schweren Schicksal, und dass sie dieser kleine Laden am Leben hält. Es war für uns alle ziemlich schwer zu ertragen, was sie erzählt hat. Dabei haben wir nur zugehört und nichts von alledem erlebt. Nur sie und ihre Tochter sind von ihrer Familie am Leben geblieben. Ihre Tochter lebt heute in Sarajevo, Fazila lebt allein. So geht es noch vielen anderen Frauen in dieser traurigen Stadt.

Für den anschließenden Besuch der Gedenkstätte fehlen die Worte. Schnee und Gräber, Gräber und Schnee, bis zum Horizont und eine nicht-enden-wollende Gedenktafel mit einer nicht enden-wollenden Zahl von Namen. In langen Reihen sind die Namen ganzer Familien in Beton gemeißelt. Familien, die es nicht mehr gibt. Unter den Toten sind alte Männer, genauso wie 14jährige Jungen.

Wie lange wir in der Eiseskälte zwischen den Gräbern zugebracht haben, wissen wir nicht mehr genau. Aber wir wissen, dass wir den gelb leuchtenden Blumenstrauß im Meer der Gräber wiederentdeckt haben, den Fazila im Film an das Grab ihrer Familie bringt und in sich versunken betet. Mit erschrockenen Augen beobachtet die Zukunft die Szene. Als Fazila das junge Mädchen und ihre Angst in den Augen sieht, lächelt sie. Sie lächelt so sanft und wissend, als könnte ihr Lächeln ihr Gegenüber vor all dem Schrecken schützen und behüten, den die bloße Erzählung des Geschehenen auslöst.

Als wir die Gedenkstätte verlassen, sehen wir Fazila auf der anderen Seite vor ihrem Blumenladen stehen. Sie winkt uns. Und lächelt.

Und so verlassen wir Srebrenica und kehren in unseren Alltag zurück.

Riesen Dank an alle die diese Aktion so wunderbar unterstützt haben und deren Namen wir hier nicht erwähnt haben. Dank Eurer Hilfe hat alles so gut funktioniert. Danke!

Riesen Dank an alle die diese Aktion so wunderbar unterstützt haben und deren Namen wir hier nicht erwähnt haben. Dank Eurer Hilfe hat alles so gut funktioniert.

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Besuch der Gedenkstätte. Abreise aus Srebrenica...